Varroaresistente Bienen bis 2033 in Europa?

Das Projekt „Varroaresistenz 2033

Die 2. Arbeitstagung Varroaresistenz 2033 fand kürzlich in Dresden statt. Zahlreiche Imker, Bienenzüchter und Vertreter verschiedener Imkerorganisationen trafen sich. Ziel dieser Arbeitsgemeinschaft ist es, dass es bis 2033 varroaresistente Bienen in Europa gibt, um zukünftig keine Medikamente mehr gegen die Varroamilbe einsetzen zu müssen. Doch was sind varroaresistente Bienen – oftmals wird auch von varroatoleranten Bienen gesprochen – und ist dieses Ziel überhaupt erreichbar? Wir wollen dieses Vorhaben und auch den Wunschtermin 2033 hiermit kritisch hinterfragen. Zunächst aber ein paar Erklärungen.

Der Schaden durch die Varroamilbe

Die Varroamilbe vermehrt sich in den verdeckelten Zellen der Bienenbrut und nutzt dabei die heranwachsende Bienenmade und -puppe als Nahrungsquelle. Diese Entwicklungsstadien werden in der Zelle von der Muttermilbe angestochen und dienen in Folge der Milbenfamilie in der Zelle als Nahrungsquelle. Dies führt zu einer massiven Schädigung der Bienenbrut, insbesondere, wenn beim Saugakt auch noch pathogene Viren von den Milben übertragen werden. Nimmt der Milbenbefall im Laufe der Saison zu, schlüpft eine stetig steigende Zahl geschädigter bzw. geschwächter Jungbienen.

Varroatoleranz vs. Varroaresistenz

Im Gegensatz zur Varroatoleranz, bei der die Biene als Wirt den durch den Parasiten – die Varroa – verursachten Schaden begrenzen kann, geht es bei der Varroaresistenz darum, dass die Biene als Wirt das Auftreten der Varroa selbst begrenzen kann. Doch welche Mittel stehen den Bienen im Kampf gegen die Varroa und zur Ausbildung einer Varroaresistenz zur Verfügung? Naheliegend wäre es zu vermuten, dass die Bienen die Varroamilben einfach mit ihren Mundwerkzeugen (Mandibeln) abputzen und totbeißen (Grooming). Doch so einfach ist es nicht, da sich die Milben geschickt verbergen können.

Manche Bienenvölker kommen mit der Varroa besser klar als andere – Die Suche nach der Super-Genetik

So wurde beispielsweise festgestellt, dass manche Bienenvölker die Schädigung in der verdeckelten Bienenbrut erkennen können und darauf reagieren. Die Bienen erkennen trotz der verdeckelten Zellen, dass es ihrem Nachwuchs unter den Deckeln nicht gut geht. Die Bienen öffnen dann die von Milben befallenen Zellen und säubern sie, was in der Folge zu einer geringeren Milbenproduktion im Bienenstock führt, sehr zur Freude der Imker, die dadurch auf den Einsatz von Akariziden (Pestizide zur Milbenbekämpfung) verzichten und somit die Betriebskosten ihrer Imkerei senken können.
Was die Experten dann als genetisch bedingte „Supressed Mite Reproduction“ (SMR) bezeichnen, ist also das Brutpflegeverhalten der Bienen, das sicherlich stark vom Gesundheitszustand und der Zusammensetzung des Bienenvolkes abhängt. Der stetige Bienenschwund in einem Volk mit starkem Varroabefall (kranke Bienen fliegen aus dem Stock) hat massive Auswirkungen auf das Brutpflegeverhalten, da dann einfach nicht mehr genügend Arbeitskräfte im Volk rekrutiert werden können. Und auch die Milbe selbst unterliegt natürlichen Schwankungen und Veränderungen. Die Zusammenhänge im Bienenvolk sind sehr komplex und somit ist eine Unterscheidung, ob ein Bienenvolk selbst nichts gegen die Varroa unternehmen kann oder nichts unternehmen will, nicht so einfach möglich. Hier sind die Methoden zur Erkennung noch viel zu ungenau und es werden bei der Selektion oftmals zu schnell Schlüsse gezogen, ohne dass diese ausreichend belegt sind. Die Bienen können uns leider noch nicht direkt sagen, wie es um ihren aktuellen Gesundheitszustand bestellt ist oder welche Arbeit (als Ammenbiene, Wächterbiene etc.) sie gerade im Volk verrichten.

Die Suche nach dem heiligen Gral

Das Varroaresistenzprojekt wird nun quasi zum heiligen Gral der Imkerei hochstilisiert. Wir sollten uns aber die Frage stellen, ob die Suche nach einer vollständigen Varroaresistenz unserer Bienen wirklich so wichtig ist, oder es nicht doch noch drängendere Probleme gibt.

Viel wichtiger wäre es doch, sich auf Themen zu konzentrieren, die der gesamten Natur dienen und welche die Gesundheit unserer Bienen auf natürliche Weise fördern, also Themen wie z.B. blütenreiches Pollenangebot, kleinstrukturierte Landwirtschaften, Reduzierung der Bodenversiegelung, Renaturierung, Erhalt der heimischen Fauna und Flora, Bekämpfung invasiver Arten …
Die Bedeutung des Ziels „Varroaresistenz 2033“ relativiert sich vielleicht auch, wenn wir uns die Frage stellen, was wir letztendlich gewinnen, wenn wir dieses Ziel erreichen. Eine behandlungsfreie Imkerei wird es wohl kaum geben, zumal dann andere Probleme und Krankheiten wieder in den Vordergrund treten werden (Tracheenmilbe, Tropilaelaps-Milbe etc.). Und wie würde es aussehen, wenn das Ziel nicht erreicht wird? Würden dann alle Initiativen und Bemühungen zum Thema Varroa abgebrochen? Wohl kaum.

Das Ziel / der Wunschtermin 2033

Wie sinnvoll und wie seriös ist es also, ein solches Ziel zu formulieren, wenn die Varroa-Milbe seit 1977 in Deutschland und seit 1980 in Österreich, also seit fast 50 Jahren, bei uns vorkommt? Wird auf Basis der bisherigen Arbeitsergebnisse nicht zu schnell zu viel versprochen? Sind die bisherigen Arbeitsergebnisse ausreichend wissenschaftlich untersucht und belegt? Welchen Stellenwert haben die bisherigen Arbeiten? Die Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht (agt) arbeitet seit 2003 – wäre es nicht sinnvoll, deren Arbeit zu unterstützen, anstatt das Rad neu zu erfinden? Müsste das Zieldatum für eine mögliche Varroaresistenz nicht eigentlich von der agt bekannt gegeben werden? Was ist mit den Ankündigungen diverser Züchter und Zuchtgruppen, die schon viel frühere Termine genannt haben bzw. dieses Ziel angeblich schon erreicht haben?
Im Projektmanagement wird gelehrt, dass Ziele SMART, spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sein müssen. Erfüllt das Projekt Varroaresistenz 2033 alle diese Kriterien? Wird eine Varroaresistenz in allen Bienenpopulationen, Regionen und Klimazonen (vom warmen Mittelmeerklima über diverse Waldklimazonen zum polaren Tundraklima) Europas wirklich bis 2033 erreichbar und auch messbar sein? Würden dann keine Bienen aus außereuropäischen Ländern mehr nach Europa importiert? Gerade die Buckfast-Züchtung greift bei ihrer Kreuzungszucht gerne auf außereuropäische Bienenrassen zurück.

Im Einklang mit der Natur – Warum in die Ferne schweifen?

Die Imkerei und die Forschung der Bieneninstitute sollten sich an der natürlichen Anpassungsfähigkeit der Honigbiene orientieren. Lokale Bienenpopulationen sind an die lokalen Bedingungen – an die Natur vor Ort – angepasst und haben damit einen wesentlichen Vorteil gegenüber Bienen, die von Imkern von weit her geholt werden. So macht es keinen Sinn, angeblich varroaresistente Bienen aus Südfrankreich, die aus einer Kreuzung mit einer afrikanischen Biene entstanden sind, zu uns zu bringen, die sich dann in unseren Breiten als weder varroaresistent noch überlebensfähig erweisen. Solche Bienenimporte sind eigentlich auch an verschiedene gesetzliche Bestimmungen gebunden, die verhindern sollen, dass sich Bienenkrankheiten und fremde Arten unkontrolliert ausbreiten können. Leider sind die Bestimmungen und Kontrollen in der Imkerei diesbezüglich noch sehr spärlich und zu schwach, so dass jeder uninformierte Hobbyimker meinen könnte, dass er alles im Internet bestellen und aus diversen Importen seine ‚Wunschbiene‘ züchten kann.

Rasse – Rassismus – jetzt wird es schräg

Mit der Buckfast-Zucht wurde die Kunstbiene salonfähig gemacht und den Zuchtvereinen, die sich der Zucht und Erhaltung der ursprünglichen Bienenrassen verschrieben haben, wird schnell Rassismus vorgeworfen. Diese Vorwürfe sind jedoch absurd und als Grundlage für zukünftige Diskussionen sicher nicht hilfreich.

Als Rassen bezeichnet man Populationen einer Tierart, die sich in ihrem Genpool und somit auch phänotypisch von anderen Populationen derselben Art (Spezies) in einem oder mehreren Punkten unterscheiden, sodass eine taxonomische Trennung erfolgen kann.

Der Begriff „Rasse“ in der Tierzucht und Tierhaltung darf somit keinesfalls mit der menschenverachtenden Ideologie des Rassismus gleichgesetzt oder in Verbindung gebracht werden.

Imkern zum Wohle unserer Bienen und zum Wohle der Natur

Ist es nicht so, dass Imker als Tierhalter dem größtmöglichen Tierwohl verpflichtet sind? Wie ist dann die künstliche Impfung von Bienenvölkern mit Varroamilben im Zuge einer Varroaresistenz-Selektion, die künstliche Einkreuzung fremder Bienenrassen oder die künstliche Besamung von Bienenköniginnen zu rechtfertigen, wenn all diese Maßnahmen bekanntermaßen die Lebenserwartung der Bienen verkürzen? Tierversuche sind immer kritisch zu betrachten und sollten nur von Organisationen durchgeführt werden, die auch ausreichend sicherstellen können, dass alle Versuche einem höheren Zweck dienen und auch auf das notwendige Minimum reduziert sind. Hobbyimker und Imkereibetriebe gehören da wohl kaum dazu.

Bedarfsorientierte Varroabehandlung – ja, aber

Gegen eine bedarfsorientierte Varroabehandlung (keine Behandlung im Spätsommer, wenn keine Milben nachweisbar sind oder die Milbenzahl noch weit unter der Schadschwelle liegt) wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, sofern der Imker dies eindeutig feststellen kann. Ist es aber nicht riskant und unverantwortlich gegenüber den Bienen und gegenüber Neuimkern, wenn die Imker nun aufgefordert werden, die Bienen mit ihren Milben allein zu lassen, um einen gewissen Selektionsdruck auf die Bienen auszuüben? Ein Großteil der Hobbyimker wäre mit dieser Entscheidung wohl überfordert zumal die jährlichen Völkerverluste ja doch auch vermuten lassen, dass viele Bienenvölker unzureichend betreut werden.

Drohnenherrschaft – muss das sein?

Es bleibt zu hoffen, dass in dieser Arbeitsgruppe versucht wird, naturverträgliche Lösungen zu finden. Wenn aber jetzt schon davon gesprochen wird, dass über eine Drohnenherrschaft von unbehandelten Völkern versucht werden soll, das angeblich varroaresistente Zuchtmaterial in die Breite zu bringen, lässt das nichts Gutes ahnen. Abgesehen davon, dass vielleicht nicht jede Region / jeder Imker mit diesen Bienen zwangsbeglückt werden möchte, bleibt zu hoffen, dass diese Drohnen dann auch wirklich varroafrei sind. Ansonsten wäre schon sehr früh im Jahr mit einem enormen Milbendruck zu rechnen.

Die Natur ist unsere oberste Richterin (Nobelpreisträger Anton Zeilinger)

Zu oft schon hat der Mensch versucht, manipulierend in die Natur einzugreifen und dabei gravierende Aspekte übersehen. Die Erhaltung verschiedener Nutztierrassen ist – gerade in Zeiten des Artensterbens – von immenser Bedeutung, da der Mensch oft erst im Nachhinein die Vorzüge verschiedener natürlich entstandener Populationen zu deuten und zu verstehen lernt. Mit der Verbreitung einheitlichen Bienenmaterials ist auch mit dem Verschwinden lokal angepasster Bienenpopulationen zu rechnen. Das darf nicht passieren!
Wenn im Rahmen des Projektes Varroaresistenz der volkswirtschaftliche Schaden durch die Varroa-Milbe dargestellt wird, darf nie vergessen werden, dass wir Menschen uns diesen Schaden selbst zuzuschreiben haben. Wir Menschen haben unseren Bienen diesen Schaden zugefügt und müssen deshalb auch mit den Konsequenzen leben. Wir sollten damit aufhören, die Fehler der Vergangenheit immer und immer wieder zu wiederholen, zumal die Natur dies nicht mehr erträgt.

Die Wissenschaft in die Hände der Wissenschaft legen, damit sie Wissen schafft

Es ist sicher wichtig, dass wir uns weiterhin bemühen unsere Bienen bestmöglich von der Varroa zu befreien bzw. vor der Varroa zu schützen. Dabei dürfen aber keine Experimente von Imkern auf Kosten der Bienen durchgeführt werden. Diese Art der Forschung muss klar in den Händen der Wissenschaft bleiben. Dafür haben wir die verschiedenen Bieneninstitute und Forschungseinrichtungen. Ihre Arbeit muss anerkannt und bestmöglich unterstützt werden.

3 Kommentare
  1. Robert
    Robert sagte:

    Ein „Hoch“ dem Autor und (ausnahmslos) für alle unsere Völker eine Windel als wichtiges Diagnoseinstrument in Bezug auf Varroatose!!!
    Robert

    Antworten
  2. Andreas Brandl
    Andreas Brandl sagte:

    Ebenfalls ein Hoch auf dem Autor!
    Seit über 40 Jahren wird vom Menschen versucht eine varroatolerante Biene zu züchten. Bisher ist es nicht gelungen, die Natur hat es jedoch geschafft. Sie hat die von uns geschafften Probleme ausgebessert. Das beweisen uns wild lebende Honigbienen in abgelegenen Regionen. Daher sollten wir solche Gebiete schützen! Damit wir im Falle des Falles auf ursprüngliche heimische Honigbienen zurückgreifen können. Wer weiß wie lange es die Natur noch mit macht.
    Grüße Andreas Brandl

    Antworten
    • admin
      admin sagte:

      Wir bedanken uns herzlich für die vielen netten Kommentare und Reaktionen (auch über die Social Media Kanäle)! Wir glauben, dass in der Imkerei ein Umdenken stattgefunden hat bzw. stattfindet und der Wert der heimischen Bienenpopulationen wieder stärker ins Bewusstsein rückt. Das Importieren und Einkreuzen fremder Bienenrassen ist weder eine imkerliche Heldentat noch ein Kavaliersdelikt. Und die Varroaresistenz ist ein wissenschaftliches Forschungsthema, das auch unter wissenschaftlicher Kontrolle bleiben muss, um unnötiges Tierleid zu vermeiden.

      Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert